Die Falle der Familiarität

Gegen Ende des Jahres rückt man im Unternehmen etwas zusammen. Am Weihnachtsessen sitzen wir über die Hierarchien hinweg an einem Tisch und erzählen einander, wie wir mit unseren Lieben und weniger Lieben feiern werden. Wir stossen am Neujahrsapéro an. In solchen Momenten wird es im Betrieb vertraut, ja vertraulich. Familiarität ist Chance und Gefahr zugleich.

Datum
3. Februar 2020

Die Chancen der Familiarität

Was ist die Chance, wenn eine Firma fast wie eine Familie ist? Die Mitarbeitenden fühlen sich dazugehörig. Neben diesem Effekt der Partizipation steigert Familiarität nicht nur das Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern unsere Identifikation mit dem Unternehmen und stärkt so dessen Identität. Zudem ist die Familiarität wie ein Schmiermittel: Sie lässt die Rädchen des professionellen Arbeitens reibungslos ineinandergreifen, weil man sich persönlich kennt. Gerade in Betrieben mit einer bewusst familiär gestalteten Unternehmenskultur, sind die Mitarbeitenden beziehungsmässig eng unterwegs. Man tut sich gegenseitig eher einen Gefallen.

Das kann auch seine Gefahren haben.

Wenn Familiarität zur Falle wird

Familiarität  kann wichtige Distanz in Geschäftsbeziehungen verkleinern. Dann ist unsere Urteilskraft nicht mehr neutral und unsere gesunde Kritikfähigkeit wird beeinflusst. Wir gehen fragwürdige Koalitionen ein oder agieren aufgrund von Gefälligkeit. Solche Kungeleien können entstehen, wenn wir aufgrund von Verwandtschaften, Freundschaften, Seilschaften und ideologischen Gemeinschaften eine gesunde Balance zwischen Nähe und Distanz verloren haben. Christliche Organisationen sind besonders anfällig.

Die nachfolgende Situation aus dem Alltag passiert im Berufsalltag oft:

Wir sassen einmal zu später Stunde nach einer Mitarbeiterretraite bei einem Glas Wein zusammen. Ich wollte mich wichtig machen und erzählte Dinge aus der Geschäftsleitung, die noch nicht spruchreif waren. Ich war in die Falle der Vertraulichkeit getappt.

Wenn Familiarität zur Falle wird, kann sie einem Unternehmen grösseren Schaden anrichten: Mangelndes Controlling, Verzicht auf unpopuläre Entscheidungen einem faulen Freundschaftsfrieden zuliebe, falsche Personalentscheide, Intransparenz…

Wie wir Familiaritätsfallen vermeiden können

  1. «Vergiss nie, wer du bist!» Dies hilft uns, als Leitende auch im vertrauten und vertraulichen Umgang mit Mitarbeitenden unsere Rolle als Leitende nicht aus dem Blick zu verlieren. Wir sind freundschaftlich auf Augenhöhe unterwegs und bleiben zugleich Vorgesetzte.
  2. «Wisse immer, was du sagst, aber sage nicht immer, was du weisst!» Dieser Ausspruch von Matthias Claudius hilft mir, auch in ungezwungenen Smalltalks oder vertraulichen Runden zu später Stunde mit meinen Worten achtsam umzugehen.
  3. «Behandle Sachliches persönlich und Persönliches sachlich!» Diese Weisheit habe ich von Theresa von Avila, der genialen Managerin und Mystikerin übernommen. Sie hilft mir, Mitarbeitende auch persönlich und mit ihrem familiären Umfeld ernst zu nehmen. Zugleich kann ich eine gute Distanz einhalten, indem ich Persönliches, ja Intimes, versachliche.

Fazit

Ob Familiarität zu einem heilenden Medikament oder zum Gift in einem Betrieb wird, hängt einerseits von dessen Dosierung ab und andererseits, ob nüchterne Professionalität den Gegenpool dazu bildet.

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