Mentoring – von der Kunst, Menschen wachsen zu lassen

Ich bin seit 34 Jahren in der Menschen- und Unternehmensführung tätig. Mit zunehmendem Alter werde ich etwas langsamer. Meine schon immer unterentwickelte IT-Affinität ist nur noch in homöopathischer Dosierung vorhanden und ich bin tendenziell dünnhäutiger geworden. Aber es wachsen bei mir auch neue Früchte. Eine Frucht bei reifen Leitungspersonen heisst Mentoring.

Datum
11. März 2020

Sie schmeckt jungen Nachwuchskräften, den Mentees, besonders gut und ist auch wie eine Blutauffrischung für die Mentoren und Mentorinnen selbst.

Woher stammt der Ausdruck «Mentoring»?

Woher stammt der Ausdruck? Als Odysseus in den trojanischen Krieg aufbrach, machte er sich um das Wohl seines Sohnes, Thelemachos, Sorgen. Er übergab ihn daher seinem Freund und Altersgenossen für ein Coaching. Dieser hiess Mentor und wurde zu einer Art «väterlichem Götti» für den jungen Sohn.

Was gehört zu den Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Mentors? Er gibt im Mentoring profundes Berufswissen weiter, das durch seine Langzeiterfahrung geprüft und geläutert ist. Weil die Mentorin ein Meer überblickt, und nicht einfach nur auf der allerneusten Welle reitet, vermittelt sie den Mentees, die oft mehr als sie auf dem neusten Stand der Theorien sind, Orientierungswissen: «Schau, darauf kommt es wirklich darauf an und das ist nur ein Hype».

Persönlichkeitskompetenzen

Neben der Vertiefung der Fachkompetenzen, liegt mir als Mentor die Entwicklung der Persönlichkeit des Mentees am Herzen. Meist scheitern wir ja eher an uns selbst als an unseren Aufgaben. Wissen ist heute jederzeit abrufbar. Kompetenzen können wie das Gitarrenspiel erlernt werden. Aber Charakterbildung ist ein langer Weg, auf dem eine Begleiterin wohltut.

Wir stellen uns daher oft die Frage: Wie kann der Mentee seine ureigenste Persönlichkeit einbringen, dabei seine Stärken optimal ausspielen, sich und andere vor seinen Schwächen schützen und gleichzeitig an ihnen arbeiten? Eine Führungskraft mit der Ausstrahlung einer Tetrapackung sollte nicht unbedingt charismatische Leadership anstreben, sondern ihr hohe analytischen Fähigkeit gewinnbringend einsetzen. Das gemeinsame Arbeiten an der Passung von Persönlichkeit und Fachkompetenz braucht beidseitiges Vertrauen, weil es oft ans Lebendige geht.

Ermutigung

Es gibt Führungskräfte, die sind fachliche Riesen und emotionale Seelenzwerge. Man gäbe es ihnen nicht, tief in ihrem Innern liegt viel Angst und Minderwert verborgen. Nach jedem Mentoring frage ich mich deshalb: Ist heute der Mentee in irgendeiner Form ermutigt worden? Wie Michelangelo, der im rohen Marmorstein schon die fertige Skulptur schaute, ist es mein Wunsch für unseren Weg, dass wir gemeinsam das Bild zu sehen bekommen, in das sich die Führungsperson entwickeln wird. Es gibt direkte Vorgesetzte, die so zu Mentoren ihrer Mitarbeitenden werden. Manchmal muss man sie sich auch ausserhalb des Betriebs suchen.

Spiritualität als Ressource im Mentoring

Wir erinnern uns an Mentor. Nach der griechischen Mythologie schlüpfte manchmal die Göttin Athena in die Gestalt des Mentors, wenn sie ihrem Schützling Odysseus oder dessen Sohn mit Rat und Tat zur Seite stehen wollte. Mein Gebet ist es, dass Gott durch mich als Mentor hindurchscheint. Ziel meines Mentoring ist es nämlich, Führungskräfte so zu begleiten, dass sie immer mehr den lebendigen Gott als eigentlichen Mentor entdecken.

Eine Gottesbezeichnung im Alten Testament heisst: «Wunder-Rat» (Jesaja 9. 5). Im Neuen Testament wir Gott als Ressource der Weisheit beschrieben: «Wem es unter euch aber an Weisheit fehlt, der erbitte sie von Gott, der allen vorbehaltlos gibt und niemandem etwas zum Vorwurf macht» (Jakobus 1. 5). Ich versuche mich so, überflüssig zu machen.

Lernen, wie man von Gott lernen kann, ist das beste Gegenmittel gegen Abhängigkeiten von Menschen, die ein Mentoring als ungewünschte Nebenwirkung erzeugen könnte.

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