Aktionstage Psychische Gesundheit – «Platzspitzbaby» mit Michelle Halbheer

Am Montag den 28.09.20 fand, im Rahmen der Aktionstage Psychische Gesundheit in Kooperation mit Bisch fit Graubünden, die Veranstaltung «Platzspitzbaby» mit Michelle Halbheer im Kinocenter in Chur statt.

Datum
28. September 2020

Im komplett gefüllten Kinosaal herrschte von Beginn an eine erwartungsvolle Stimmung. Dann startete der Film Platzspitzbaby. Pierre Monnard führte die Regie des Films, welcher unter anderem die Biographie von Michelle Halbheer aufgreift. Der Film erzählt emotional und ungeschönt die Geschichte der kleinen Mia, gespielt von Luna Mwezi. Die Geschichte beginnt mit der Räumung des Platzspitz 1992 in Zürich und besticht durch seine lebensnahe Art. Der Film zeigt schonungslos die Dilemmata Mias sowie ihrer Mutter Sandrine auf. Mia balanciert zwischen der unschuldigen Liebe eines Kindes zu ihrer Mutter, der Hilflosigkeit ob der ohnmächtigen Situation und der Erkenntnis, dass das Leben wie sie es kennt auf die Dauer nicht so weitergehen kann. Über allem thront die Drogensucht der Mutter. Nach einer kurzen Abstinenzphase zu Beginn des Films wird sie rückfällig. Die Sucht bestimmt von da an Sandrines Leben wodurch sie es nicht mehr schafft ihre Mutterrolle auszufüllen.

Podiumsgespräch mit Michelle Halbheer

Mit diesen Eindrücken fand im Anschluss an den Film ein Podium zwischen Michelle Halbheer (Autorin «Platzspitzbaby»), Rahel Striegel (Leitung der sozialpädagogischen Fachstelle Stiftung Gotthilft) und Martin Bässler (Leutung pädagogische Angebote der Stiftung Gotthilft) statt. Moderiert wurde die Diskussion von Reto Giger, dem Leiter der Jugendstation Alltag in Trimmis.

Während des rund 45-Minütigen Gesprächs wurden Eindrücke über den Film ausgetauscht, Fragen aus dem Publikum beantwortet, aber vor allem auch sozialpolitische Fragen diskutiert. So zeigte Michelle Halbheer eindrücklich auf, dass in ihrem persönlichen Fall seitens der Behörden nur unzureichend interveniert wurde. Gerade bei der Scheidung der Eltern sei zu wenig hingeschaut und sie als Kind lediglich einmal, im Beisein der Eltern, angehört worden. Es sei ihr damals nicht möglich gewesen einen fundierten Entscheid zu treffen, da die Liebe und Abhängigkeit zur Mutter zu stark gewesen sei und diese Bindung ohne fachliche Unterstützung als Kind nicht wirklich hinterfragt werden konnte. In ihrem späteren Leben wurde doch noch eine Fremdplatzierung verfügt. In diesem Zusammenhang wurde betont, dass eine Fremdplatzierung für sich noch nicht wirklich schlimm ist, der Prozess bis zu diesem Punkt für ein Kind aber eine aussergewöhnliche Belastung darstellt. Gerade in dieser Zeit ist eine Begleitung durch Fachpersonen besonders wichtig, um Halt und Klarheit zu schaffen. Rahel Striegel verwies in diesem Zusammenhang auf das Spannungsfeld zwischen Eltern- und Kinderrecht. Dieses sei sehr komplex und von aussen nur sehr schwer zu beurteilen, hier müsse besonders achtsam gehandelt werden.

Gerade Fachinstitutionen haben bei solch komplexen Fragen eine besonders wichtige Aufgabe wie Martin Bässler meinte. «Die Angebote der Stiftung sollen sichere Orte sein», befand er und zählte als Beispiele die Pflegefamilien, die Schulsozialarbeit sowie die Familienberatung auf. Um in einem solchen Setting optimalen Schutz und hohe Lebensqualität gewährleisten zu können brauche es Transparenz und Einfühlungsvermögen.

Während Rahel Striegel und Martin Bässler einen Appell an eine hohe Qualität der Dienstleitungen im Sozialbereich formulierten, kritisiert Michelle Halbheer mehrmals die Schwierigkeiten der sozialpolitischen Strukturen. So sei man als betroffene Person in Ernstfällen stark abhängig von einzelnen Fachleuten auf den Gemeinden, im Kanton sowie bei den Behörden. Zentral sei oftmals die Frage nach der Finanzierung und zu selten das alleinige Wohl der oder des Betroffenen. Auch Martin Bässler prangert die Finanzierungskomplexität im Sozialwesen an und nennt als Beispiel Jugendliche, welche ihre Ausbildung abbrechen müssen bzw. ihren Lehrabschluss nicht schaffen.

Ein Abend zum Nachdenken

Insgesamt herrschte während des gesamten Podiums eine nachdenkliche Stimmung. Der Film «Platzspitzbaby» bewegte die Menschen im Saal. Die Podiumsteilnehmenden zeigten sich ebenfalls sichtlich berührt und legten hohen Wert darauf fundierte und bedachte Aussagen zu tätigen. Abgeschlossen wurde der Abend mit der Frage an Michelle Halbheer nach einer zielführenden Drogenpolitik, wobei diese sich für eine liberale, steuernde Variante aussprach. Mit diesem Statement wurde ein Abend voller Emotionen beschlossen, welcher die Anwesenden mit einigen Denkanstössen auf den Heimweg entliess. Aus dem Kernthema, welches das Aufwachsen eines Kindes mit suchtmittelabhängigen Eltern aufzeigen sollte, entstand ein gesellschaftspolitischer Diskurs, welcher diverse sowohl für Eltern als auch für Kinder wichtige Themen aufgreifen konnte.